Erasmus-Studium in ManchesterHallo! Ich habe gerade das hinter mir, was Ihr vielleicht/hoffentlich vor Euch habt: Von September ´94 bis September ´95 habe ich in Manchester studiert. Davon hatte ich für fünf Monate ein Erasmus-Stipendium. Ich hoffe, Euch nachfolgend einige Informationen und Tips geben zu können. StudiumDa ich selber einen Masters-Studiengang absolviert habe, beziehen sich meine Informationen hauptsächlich darauf. Das englische System unterscheidet sich grundlegend von dem deutschen. Man unterscheidet zwischen undergraduates (bis zum ersten Abschluß) und postgraduates. Nach drei Jahren - wobei hinsichtlich der Einteilung der abzulegenden Klausuren keine Flexibilität besteht- erwirbt man das bachelor`s degree (B.A.). Dies ist ein vollwertiger Abschluß, und die meisten verlassen anschließend die Universität. Diejenigen, die an der Uni bleiben, beginnen danach mit dem sogenannten postgraduate studying . Dies beinhaltet:a) Postgraduate Diploma Dieser Studiengang dient zur Vorbereitung auf das Masters und ist daher hauptsächlich für ausländische Studenten gedacht, da das B.A. bei entsprechenden Leistungen direkt zur Aufnahme des Masters befähigen soll. In den beiden Semestern besucht man jeweils vier Kurse, die sich folgendermaßen zusammensetzen:
b) Masters Das Masters wird als gleichwertig zu unserem Diplom angesehen. Man belegt wie beim Diploma acht Kurse:
Bei den zweistündigen Klausuren, die in den Semesterferien geschrieben werden, muß man aus 5-6 Fragen 2-3 beantworten. Somit reicht es zum Bestehen aus, sich nur auf einigen der behandelten Themen vorzubereiten. Allerdings werden meist ausführliche Antworten in Form von Essays erwartet. Ein Blick in Klausurensammlungen vergangener Jahre (die in beiden Bibliotheken erhältlich sind) lohnt sich unbedingt! Die Essays (sie zählen zu einem Drittel in der Gesamtnote des jeweiligen Kurses) sind innerhalb des Semesters anzufertigen. Sie sollen einen Umfang von ca. 2000 Wörtern haben. Oft wird das Thema in Form einer Frage nach der eigenen Meinung gestellt. Hierbei geht es weniger um das lückenlose Zusammenfassen der angegebenen Literatur, als vielmehr um einen logischen und übersichtlichen Aufbau. Die dissertation (die zu 20% in die Gesamtnote einfließt) ist etwa vergleichbar mit der Diplomarbeit bei uns in Deutschland. Sie soll 10.000 Wörter umfassen, tatsächlich wird dieses Limit aber oft überschritten. Man darf sie sogar bis zu zwei Jahren später abgeben. Die Kurse sind unterschiedlich hinsichtlich des Schwierigkeitsgrades. So gelten z.B. als anspruchsvoll mathematical economics (aber sehr hilfreich) oder econometrics A (dies ist nicht der o.a. Kurs, den man belegen muß). Viele Studenten besuchen am Semesteranfang mehr als vier Kurse, da man sich erst nach drei Wochen festlegen muß. Für die Pflichtveranstaltungen in Ökonometrie gilt, daß sie nicht voraussetzen, daß man dieses Fach bereits studiert hat. Im Durchschnitt scheinen mir die Kurse weniger Praxisbezug zu haben als dies bei uns durch Teile der Blöcke Wirtschaftspolitik und Finanzwissenschaft der Fall ist. Vor Studienbeginn werden fakultative Einführungsveranstaltungen in Mathematik und den verschiedensten Computeranwendungen angeboten. Diese sind natürlich sehr hilfreich, auch um sich mit der Umgebung vertraut zu machen. Noten gibt es in Form von Prozentzahlen, wobei man 40% zum Bestehen benötigt. Mein Eindruck war der, daß sich die meisten Noten zwischen 50 und 60% bewegen, d.h. es ist relativ einfach zu bestehen, aber sehr schwierig, eine hohe Prozentzahl zu erhalten. Dies gilt vor allen Dingen für die Kurse, in denen die Klausuren in Form von Essays zu beantworten sind. Fast alle Kurse sind 2-stündig pro Woche, lediglich Mathematik und Ökonometrie enthalten eine zusätzliche Übungsstunde. Somit erscheint der Stundenplan ziemlich leer (8-10 Stunden pro Woche). Jedoch erhält man viele Literaturangaben zum Vor- und Nachbereiten der einzelnen Stunden, auch ist das Unterrichtstempo vergleichsweise hoch. Die Studienbedingungen sind sehr angenehm. In den von mir besuchten Kursen schwankte die Teilnehmerzahl zwischen 60 und 5! Dadurch entsteht ein persönliches Verhältnis zum Dozenten und man kennt sich innerhalb der Studenten sehr schnell. Zu den Professoren kann man auch außerhalb der Sprechstunde (fast) immer ins Büro kommen und Fragen stellen. Durch die im Vergleich zu deutschen Universitäten geringe Studentenzahl innerhalb des Master-Studienganges ist die Atmosphäre fast familiär. So hängt z.B. im Büro der postgraduate economics secretary ein Paßfoto jedes Studenten. Auf Anfrage erhält man auch einen Schlüssel zum Computerraum des Gebäudes, so daß man diesen zu jeder Zeit nutzen kann. Der Anteil der ausländischen Studenten innerhalb der postgraduates ist extrem hoch (in meiner Klasse waren es ca. 80%! ). So sind die Dozenten darauf eingestellt, daß einige Studenten kleinere bis mittlere Sprachprobleme haben. Meine Erfahrung war, daß man mit 9 Jahren Englischunterricht in der Schule ( jedoch nur Grundkurs in der Oberstufe) kaum Probleme hat, wobei ich vor Studienbeginn einen 4wöchigen Sprachkurs in Manchester gemacht habe, der mir enorm hilfreich war. Auch werdet Ihr Euch wundern, wie schnell man seine Sprachkenntnisse verbessert, wenn man in dem betreffenden Land lebt und man gleichzeitig versucht, nicht nur deutsche Freunde zu finden. Der Zeitplan sieht etwa folgendermaßen aus:
StudiengebührenDie Studiengebühren für ein Masters oder Diploma betragen für ein EU-Mitglied zur Zeit 2.430 Pfund . Als Erasmus-Stipendiat seit Ihr hiervon befreit. Solltet Ihr nur für ein Semester das Stipendium erhalten, müßt Ihr die Hälfte bezahlen. Das Auslandsbafögamt erstattet den Bafögberechtigten die Studiengebühren. Es kann übrigens sein, daß man Auslandsbafög erhält, auch wenn man im Innland kein Baföganspruch hat.Die Adresse des Auslandsbafögamtes: Landesamt für Ausbildungsförderung Nordrhein-Westfalen Theaterplatz 14 52062 Aachen WohnenZunächst steht man vor der Entscheidung, ob man sich um einen Wohnheimplatz oder ein privates Zimmer bemühen soll. Bezüglich der Wohnheime gilt folgendes: Man sollte sich so früh wie möglich um ein Zimmer bewerben (Anfang August ist es sehr wahrscheinlich schon zu spät). Bewerbungsbogen und eine Informationsbroschüre über die vorhandenen Wohnheime erhält man von:Accomodation office Precinct Centre Oxford Road Manchester M13 9RS Tel. 0044-161-275 2888. Der wöchentliche Mietpreis schwankt etwa zwischen 30 Pfund und 60 Pfund. Dazu kommen nochmals ca. 30 Pfund in Wohnheimen mit eigener Mensa. Es ist natürlich sehr riskant, dies im voraus mitzubuchen. (Die englische Küche ist nicht sehr berühmt!) Es gibt auch Wohnheime, in denen nur postgraduates wohnen. Sie unterscheiden sich in Sauberkeit, Lärm, Niveau, aber auch im Mietpreis von den übrigen. Ich selbst habe im Whitworth Park, einem der größten Wohnheime, direkt an der Universität, gewohnt. Dort hatte ich ein 12 Quadratmeter großes Zimmer und habe mir Dusche, 2 Toiletten, Küche und Aufenthaltszimmer mit acht anderen Studenten geteilt. Leider muß ich sagen, daß der Zustand der Gemeinschaftsräume mir oft nicht gerade sympathisch war. Diese Erfahrung haben auch andere deutsche Studenten gemacht, die mit undergraduates zusammengewohnt haben. Ihr solltet Euch also vorher genau überlegen, welche Ansprüche Ihr habt und wieviel Geld Ihr ausgeben möchtet. In vielen Wohnheimen werden die Zimmer zunächst für 38 Wochen vermietet (bis Anfang Juni). Sofern Ihr aus irgend einem Grund länger bleiben möchtet, ist dies überhaupt kein Problem. Meist kann man im gleichen Wohnheim bleiben (eventuell in einem anderen Zimmer); auf jeden Fall aber ist es in dieser Zeit sehr einfach, irgend etwas zu finden, da die meisten Studenten im Juni Manchester verlassen und somit viele Zimmer leerstehen. Auf dem privaten Wohnungsmarkt findet man auch Anfang September noch etwas. Für ein durchschnittliches Zimmer in einer WG sollte man mit 40-50 Pfund pro Woche rechnen. Ebenfalls bei der accomodation office sind Verzeichnisse hierüber erhältlich. Vielfach werden auch kleine Häuschen an 4-6 Studenten vermietet. In der accomodation office befinden sich Anfang September Vertreter der students union, die neu eingetroffenen Studenten bei der Zimmersuche unterstützen. Während des Sommers, bis ca. 10. September ist es möglich, in den Wohnheimen auch nur für einige oder mehrere Tage zu bleiben. Dies ist somit eine preisgünstige Gelegenheit, um vor Ort auf Wohnungssuche zu gehen. Sofern Ihr wertvolle Dinge in Eurem Zimmer aufbewahrt, wie z.B. einen Computer, solltet Ihr diese unbedingt versichern (was man noch in Manchester tun kann). Am unkompliziertesten ist es wohl, sich von Deutschland aus um einen Wohnheimplatz zu bemühen. Hier werden auch erste Kontaktknüpfungen erleichtert. Demgegenüber könnte es auch reizvoll sein, bei einer englischen Familie zu wohnen. ReiseInteressanterweise ist es weitaus billiger, in Manchester einen Hin- und Rückflug zu kaufen als in Frankfurt. (bis zu 150,- DM). Falls Ihr an Weihnachten und/oder Ostern nach Hause fliegen wollt, lohnt es sich daher, zwischendurch von Manchester aus zu buchen und den Rückflug des ersten Tickets erst beim endgültigen Nachhausefliegen zu verwenden. Wenn Ihr mit dem Auto anreist, bedenkt bitte, daß in Manchester Autodiebstähle und -aufbrüche Hochkonjunktur haben.FreizeitManchester ist zum Leben als auch als Ausgangspunkt für Reisen reizvoll. Das Angebot an Theater-, Opern- und Musikveranstaltungen ( u.a. Popkonzerte) ist sehr ausgeprägt. An der Universität gibt es die sog. societies. Diese sind von Studenten organisierte Initiativen, die verschiedensten Schwerpunkte haben: art society, beer society, buddhism society, christian society, climbing society, dancing society, film society, German society, Italian society, literature society, women society und viele andere mehr. Besonders zu empfehlen: die international society . Sie ist gedacht für ausländische Studenten und veranstaltet ein- und mehrtägige Reisen, verbilligte Theater- und Kinobesuche, Nationalitätenabende, Englischkurse etc. Außerdem vermittelt sie auf Wunsch englische Patenfamilien in Manchester oder auch in anderen Städten. So hat man die Möglichkeit, eine englische Familie einmal näher kennenzulernen.Fußballfans werden auf ihre Kosten kommen. Die Stadt verfügt mittlerweile mit Manchester United, Manchester City (dort spielen drei Deutsche: E. Immel, U. Rösler und M. Frontzeck) und Bolton Wanderes über drei Erstligaklubs. Allerdings sind Eintrittskarten für Meisterschaftsspiele von Manchester United, der erfolgreichsten englischen Mannschaft der letzten Jahre, für Nichtmitglieder eigentlich nur auf dem Schwarzmarkt erhältlich. Von Manchester aus läßt sich einiges unternehmen: York und Chester sind zwei sehr bekannte Städte, die man unbedingt besuchen sollte. Ebenfalls in Reichweite sind Liverpool, Blackpool, Nottingham und Coventry. Selbst in London ist man in 3-4 Stunden. Unmittelbar östlich von Manchester liegt das Naturschutzgebiet Peak District, etwas nördlicher befindet sich der hügelige Lake District. Reizvoll sind auch Wochenendausflüge nach Schottland und Wales . Die englische Bahn bietet eine Railcard für 16 Pfund an, mit der man ein Jahr lang 30% Ermäßigung auf allen Strecken erhält. Preisgünstig sind auch zwischen den Städten verkehrende Reisebusse. Alles klar? Falls ihr Fragen habt, meine Telefonnummern: 06786/2522 oder 06221/779376 Viel Spaß, Thorsten Schank |